Ironman Hawaii 11:15:35 Rang 881 zufrieden?

Was soll ich sagen? Klar hätte ich gern gewonnen. Klar wäre ich gerne schneller gewesen. Aber die Erfahrungen, die ich gestern über 11 Stunden gemacht habe, sind mehr wert als vielleicht die 2 Stunden schneller gewesen zu sein.

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Doch erst einmal zum Anfang. Meine Familie und ich hatten vor dem Rennen eine super schöne Zeit hier auf Hawaii. Beim Schnorcheln haben wir Schildkröten, viele verschiedene Fische, Mantas und auch Delfine gesehen. Beim Frühstück haben wir jeden Morgen Besuch von vielen verschiedenen Vögeln. Vergessen darf man auch unsere Haustiere nicht: Geckos, die man in allen Farben und Größen hier antrifft. Ab 5 Uhr waren wir immer am White Sand Beach zum Body Surfen. Unglaublich, denn ab 18 Uhr geht am Horizont die Sonne unter.

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Mit uns am Strand sitzen, die Insulaner machen Musik und genießen das Leben. Erst, wenn es stockdunkel geworden ist, haben wir unseren Sohn davon überzeugen können, dass es Zeit wird, das Wasser zu verlassen. Drei Tage vor dem Rennen haben meine Frau mein Sohn und ich unseren neuen Sport entdeckt. Unser Reiseleiter Hannes hat zu einem Golf Schnupperkurs eingeladen. Klasse, unglaublich, einfach unvorstellbar, was für eine Disziplin von einem abverlangt wird, wenn man diesen kleinen Ball treffen will.

Großer Höhepunkt unserer Unternehmungen war ein Hubschrauberflug über die Insel. Direkt über die aktiven Vulkane und die schönsten Gegenden, die ich zuvor niemals gesehen habe, hat uns der Pilot geflogen.

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Mutter Natur hat sich von ihrer besten Seite gezeigt.  Es ist schon unglaublich, wie engstirnig ich in den Jahren als Profi diese wunderschöne Insel wahrgenommen habe. Ich dachte schon vieles gesehen zu haben, aber erst durch meine Familie ist mir mal wieder bewusst geworden, was es ausmacht, mit offenen  Augen durch die Welt zu gehen. Eine ganz große Überraschung gab es dann einen Tag vor dem Rennen für mich. Mein Freund Heiner ist extra aus Deutschland gekommen, um mich zu unterstützen. Freitag gekommen, um dann am Montag schon wieder nach Hause zu fliegen. Unglaublich!!!! Jetzt aber zum Ironman Hawaii. Nach meiner Qualifikation vor fünf Wochen in Kentucky habe ich schon insgeheim davon geträumt, eine Platzierung unter den Top 50zig zu erreichen. Ich wollte vorne mit vom Rad steigen, um den Marathon dann irgendwie zu überleben. Das Schwimmen lief auch ganz gut und ich kam mit der ersten Gruppe gemeinsam aus dem Wasser. Beim Wechsel ließ ich aber schon wertvolle Sekunden liegen und musste die ersten Kilometer auf dem Rad richtig beißen, um in eine der vorderen Gruppen mit hineinzukommen.

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Meine Beine fühlten sich gut an und ich teilte mir mein Rennen von Verpflegungsstelle zu Verpflegungsstelle so ein, dass ich nicht an meine Grenze ging, aber auch nicht mehr aus der Gruppe fiel. Schon bei Kilometer 55 kam die Gruppe um Norman Stadler, der leider das Rennen nicht beenden konnte, Maik Twelsiek und Chris McCormack aufgefahren. Maik und Chris grüßten mich und feuerten mich an mit der Gruppe mitzufahren. 20 Kilometer konnte ich ohne Probleme mitfahren, doch dann ging von einer Minute auf die nächste nicht mehr - aber auch wirklich gar nicht mehr. Ich konnte keine großen Gänge mehr fahren und wurde nach und nach von vielen Athleten überholt. Bei Kilometer 85 fuhr die erste Frau an mir vorbei. Chrissie Welligton, die später auch das Rennen gewinnen sollte, versetzte mir den ersten Stich ins Herz. Von diesem Zeitpunkt an wollte mein Körper nicht mehr. Ich dachte permanent ans Aufgeben, habe mich anfangs sogar geschämt. Mein Traum war es noch einmal nach Hawaii zu kommen. Als Profi hier zu starten, um das Rennen zu finishen und jetzt? Nach und nach wurde ich von weiteren Frauen und auch Age Groupern überholt, die ja immerhin 15 Minuten nach uns starteten und so wirklich konnte ich mich nicht mit der Situation anfreunden, nur noch ins Ziel rollen zu können. Nach 5:28 habe ich die Wechselzone erreicht und den Entschluss gefasst, dass Rennen, egal wie weh es tut, zu beenden. Es sollte weh tun, denn 4:48 ist die längste Zeit, die ich jemals für einen Marathon benötigt habe.

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Jeder Schritt war eine Qual, nicht nur körperlich, vor allem musste ich bei jedem Schritt gegen meinen Schweinhund ankämpfen, der mich dazu bringen wollte aufzuhören. Angetrieben wurde ich nur von dem einen Gedanken: bring das Ding zu Ende, sonst musst Du noch einmal hier hin. Was mir unwahrscheinlich geholfen hat, war der Zuspruch vieler Altersklassen Athleten. Mit einigen konnte ich sogar einige Meter mitlaufen und von anderen wurde ich ermutigt weiter zu machen. Mich hat es unglaublich beeindruckt, einmal Hautnah mitzuerleben, wie sehr sich in den hinteren Reihen gequält wird, um dieses Rennen zu finishen. Klar, sagen wir Triathleten, immer es geht darum das Rennen zu beenden, aber was diese Menschen tatsächlich auf sich nehmen, bekommt man erst mit, wenn man einer unter ihnen ist. Drei Meilen vor dem Ziel konnte ich meine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle halten und mir liefen die Tränen. Ich war über mich selbst so froh, dass ich es geschafft habe, meinen Stolz beiseite zu schieben. Jetzt endlich hat meine Triathlon-Seele Ruhe. Ich habe geschafft, was selbst ich vor 6 Jahren nicht mehr geglaubt habe. 1000 Meter noch und am Rand der Strecke stehen Maik Twelsiek und Timo Bracht, sie gratulieren mir zum Finish, was nicht einfach so daher gesagt wurde, sondern ehrlich gemeint war. Mich macht es froh zu sehen, dass wir Deutschen Triathleten große Sportler unter uns haben. Ich danke Euch zweien dafür. 500 Meter vor der Finish Linie nahm mich meine Familie in Empfang und endlich können wir alle gemeinsam einen Lebensabschnitt beenden, der nicht immer ganz  einfach war.

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Das überqueren der Ziellinie wurde dadurch geschmälert, dass ich nicht meinem Sohn gemeinsam einlaufen durfte. Mir wurde mit sofortiger Disqualifikation gedroht. Hallo??!! Wo sind wir denn hier? Hat das nicht unseren Sport jahrelang ausgemacht, dass wir auch ein Familiensport sind. Jeder Triathlet, der ein Langstreckenrennen absolviert, benötigt die uneingeschränkte Unterstützung der Familie, da gehört ein gemeinsamer Zieleinlauf ja wohl mit dazu. Oder? So war ich dann auch froh das Zielareal schnell wieder verlassen zu können, um zu meiner Familie zu kommen. Jetzt heißt es Urlaub machen. Gleich geht es zum Golfen und dann werden die Koffer gepackt, denn morgen schon fliegen wir für fünf Tage nach Maui. Um aus dem paradiesischen Gefühl zurück in den Alltag zu kommen, bleiben wir danach noch drei Tag in Los Angeles. Zurück in Deutschland warten eine Menge Aufgaben und Herausforderungen auf mich. Aber genau das macht doch unser Leben aus, Herausforderungen die uns fordern und uns zeigen, dass man sich entwickelt, wenn man etwas tut.  

Gestern habe ich es auf Hawaii getan und werde das “TUN” in Deutschland fortsetzen.

Alles Liebe und Gute vom Ex Ironman

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