Archive für 31.8.2009

Lasst Euch niemals “NIE” sagen

Ironman Louisville - gestern war es soweit. Sechs Jahre nach meiner schweren Verletzung und einer klaren Aussage der Ärzte “nie mehr Sport” habe ich mein selbst gestecktes Ziel, noch einmal als Profi die Qualifikation für Hawaii zu erreichen, geschafft.

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Rückblick. 2003, ich befand mich in der direkten Vorbereitung zu Triathlon Weltmeisterschaft, die auf Ibiza stattfinden sollte. Nachdem ich im Jahr 2002 Zweiter in Roth und Zweiter beim Ironman Florida wurde, bin ich sehr motiviert und optimistisch an diese Vorbereitung herangegangen. Mein Ziel war klar, ich wollte Weltmeister werden. Mit diesem Titel wollte ich meine Karriere als Sportler beenden und mich voll und ganz meinen beruflichem Werdegang konzentrieren. Doch wie so oft im Leben ist nicht alles so umsetzbar, wie man es sich vornimmt. Durch mein erhöhtes Laufpensum zog ich mir eine Schleimbeutel-entzündung unter meiner Achillessehne zu. Eigentlich keine große Sache - da ich aber eine schnelle Lösung wollte und die konservativen Behandlungen keinen Erfolg versprachen, entschloss ich mich zu einer Operation. Was für ein Fehler!!! Am 1. April 2003 wurde mir der Schleimbeutel athroskopisch entfernt und von diesem Tage an sollte nichts mehr so sein wie zuvor. Trotz positiver Diagnose hörten die Schmerzen nach der Operation nicht auf.  Im Oktober des selben Jahres musste ich nachoperiert werden und drei Monate später kam es sogar zu einer Notoperation, bei der von einem anderen Arzt festgestellt wurde, dass meine komplette Achillessehne von meiner Ferse abgelöst war und außerdem ein Großteil meines Fersenbeinknochens fehlte. Als ich dies hörte, konnte ich es gar nicht glauben und vor allem nicht verstehen. Aber die Diagnose war von diesem Tag an klar. Nie mehr Sport!! Durch mehrere Entzündungen musste mein Fuß über einen Zeitraum von zwei  als Jahren  mehrmals nachoperiert werden und meine Sehne konnte nur durch zwei Titanschrauben an meiner Ferse wieder fixiert werden.

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Auch mir wurde aufgrund der Diagnose und der Bilder klar, dass ich meine Karriere als Profisportler an den Nagel hängen musste. Aber so ganz ohne Sport wollte ich auch nicht leben. Nach zwei Jahren des sportlichen “Nichtstuns” fing ich wieder an Rad zu fahren, ging schwimmen und fing ganz langsam wieder an zu laufen. Langsam, wirklich langsam. Anfangs konnte ich keine 500 Meter am Stück joggen. Durch die lange Zeit ohne Sport hatte ich auch einiges an Gewicht zugelegt und dies machte es nicht wirklich einfacher. Doch nach und nach ging es immer besser. Ich konnte schon nach kurzer Zeit Strecken von einer Stunde ohne Schmerzen laufen und ich fing wieder an zu träumen. Davon zu träumen, noch einmal ein Ironman Rennen zu bestreiten, um mich von meinen Fans und Sponsoren ordentlich zu verabschieden. Ich glaube, nein ich weiß, dass man im Leben Dinge, die man einmal begonnen hat, auch zu Ende bringen muss - denn ansonsten wird man niemals frei sein für neue Herausforderungen.

2006 war es dann soweit. Ich meldete mich beim Ironman in Südafrika an. Meine Form war bis auf das Laufen sehr gut. Ich wusste, dass ich den Marathon niemals durchlaufen konnte, aber darum ging es mir nicht. Ich wollte noch einmal die Finish Line sehen, mehr nicht. Das Schwimmen lief auch sehr gut, Radfahren ebenfalls, doch leider hatte ich einen Radunfall und riss mir dabei einen Gesäßmuskel an. Das war es, mit meinen Abschied in Südafrika.  

Im selben Sommer startete ich in Roth und dort klappte es schliesslich auch. Ich erreichte als 44ter das Ziel und konnte mich dort, wo alles begann, gebührend verabschieden. Von diesem Tag an war ich kein bezahlter Profi mehr.

Aber durfte ich denn jetzt keinen Triathlon Sport mehr ausüben? Nur weil ich kein bezahlter Profi mehr war, musste ich das, was eine Leidenschaft ist und mir Spaß machte, gänzlich sein lassen? Nein!  Was und wann ich etwas mache entscheide ich jeden Tag neu und wenn es mir in den Sinn kommt, ein Triathlon Rennen zu absolvieren, dann mache ich es auch. Genau aus diesem Grunde entschied ich mich 2008 noch einmal nach Südafrika zu gehen. Denn das war ein Rennen wo ich noch eine Rechnung zu begleichen hatte. DNF, did not finish, stand in der Ergebnisliste von 2006. So ging es 2008, als nicht mehr bezahlter, aber dennoch mit dem Status eines Profis nach Südafrika. 9ter wurde ich in 8:46std - trotz eines Plattens. 10 Minuten haben mir bei den Profis gefehlt, um das Ticket für Hawaii zu lösen und genau an diesem Tage fing ich wieder an zu träumen. Noch einmal nach Hawaii, noch einmal mit dem Profi Status nach Hawaii. Noch vor drei Jahren glaubte niemand mehr daran, dass ich jemals wieder auch nur ansatzweise laufen könnte und jetzt habe ich es selbst in der Hand, zu zeigen, dass es geht. In den ganzen letzten Jahren nach meinen Operationen habe ich sehr besonnen und vorsichtig trainiert. Wenn ich auch nur ansatzweise gespürt hätte, dass mein Training  meinem Fuß oder meinem Körper zu viel geworden wäre, hätte ich sofort aufgehört.

2009 wollte ich es dann in Frankfurt beim Ironman versuchen. Doch in meinem letzten Blogeintrag habe ich ja beschrieben, warum es dort leider nicht geklappt hat.

Gestern dann Louisville-Kentucky.

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Ich war super nervös. In den letzten Wochen konnte ich nicht mehr ganz so trainieren wie gewünscht. Aber das stand jetzt nicht mehr zur Debatte. Wenn man an den Start geht, heißt es beißen und die bestmögliche Leistung abzurufen, die an diesem Tage möglich ist. Das Wetter war fantastisch, etwas kühl und keine Wolke am Himmel. Fürs Schwimmen hatte ich mir vorgenommen vorn mit aus dem Wasser zu kommen, was auch ganz gut geklappte. Als dritter kam ich aus dem 25Grad warmen und sehr verschmutzten Ohio River. Auf dem Rad hatte ich schon nach 10km eine leichte Verkrampfung in der Oberschenkel- Muskulatur. Ich dachte nur, ohhh Gott, dass fängt ja gut an. Aber ich hatte einfach vergessen nach dem Schwimmen zu trinken. Da kann man mal sehen, dass man auch nach so vielen Rennen immer noch nervös ist und Fehler macht.

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Dann ging das Radfahren aber richtig los. Die Strecke selbst hatte ich mir zuvor nicht angeschaut, hörte aber von Rolling Hills und das es nicht einfach wäre, sie zu fahren. Was soll ich sagen, ich habe noch niemals zuvor eine solch schwere Radstrecke in einem Ironman Rennen absolviert. Ständig ging es bergauf, bergab - nie kam ich in einen Rhythmus und doch war es eine unglaublich schöne und abwechslungsreiche Radstrecke. Nach dem Radfahren wechselte ich als Zweiter auf die Laufstrecke, ich wusste natürlich, dass es jetzt nur noch um eines ging, ums Überleben. Auch wenn ich heute wieder laufen kann, an meine alten Leistungen kann ich aufgrund der Titanschrauben in meinem Fuß natürlich nicht mehr anknüpfen.

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So ging es für mich nur um eines, durchhalten und egal wie, einen Qualiplatz halten. Die ersten 20 Kilometer wurden dann zur Tortur, mein Magen rebellierte und so lernte ich an den ersten Verpflegungsstellen, neben den über 3000 Helfern, auch einige Dixi-Klos kennen. Ab Kilometer 20 ging es aber, es tat zwar weh, aber das gehört wohl dazu. Als ich die Ziellinie sah und wusste, dass ich die Quali für Hawaii in Tasche habe, war ich überglücklich.

Sechs Jahre nach meiner ersten Operation, vielen Rückschlägen und einem ständigen auf und ab, kann ich endlich sagen, ich habe es geschafft. Sportlich war es mehr als ich erwarten konnte und dafür bin ich mehr als dankbar.

Wir Menschen neigen oft dazu, immer alles sofort und jetzt haben zu wollen. Für Träume und eigene Ziele aber sollten wir uns Zeit geben und nicht ungeduldig werden, wenn es nicht sofort klappt. Häufig muss man auch in Kauf nehmen, Umwege gehen zu müssen. Aber eines, was man immer tun muss, ist bereit zu sein. Für das Ziel, das man im Kopf hat, auch zu arbeiten und - glaubt mir - je härter die Arbeit im Vorfeld ist, desto schöner ist es, wenn man sein angestrebtes Ziel auch erreicht.

Liebe Grüße

 Andreas Niedrig

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