Cologne 226 zum ersten

So, da bin ich wieder. Nach Wiesbaden kam ich sportlich gesehen nicht wieder in die Puschen. Ich habe immer wieder mal versucht, zu trainieren, aber mein Körper verlangte nach einer Auszeit.

Als ehemaliger Profi, der sich einige Jahre nur auf den Sport konzentrieren konnte, muss ich eingestehen, dass mich diese Mehrfachbelastung jetzt doch ganz schön beutelt. Vor allem, weil man dann doch bei jedem Wettkampf immer wieder versucht, an alte Leistungen anzuknüpfen.

So kann ich heute wieder nachempfinden, welchen Belastungen Altersklassenathleten ausgesetzt sind und was für ein Spagat zwischen Familie, Beruf und Sport notwendig ist, um ein Triathlon Rennen zu beenden.

Während der dreiwöchigen Trainingspause war ich hin und her gerissen, ob ich in diesem Jahr überhaupt noch einmal starten soll.Aber wer selbst Sport betreibt, weiß wie man empfindet, wenn vor dem nahenden Winter die letzten Rennen der Saison stattfinden. Hinzu kommt, dass ich im nächsten Jahr kaum noch einmal die Chance haben werde, mir noch einmal eine  Form wie heute anzutrainieren. Mein Film, die Promotion dazu, mein neues Buch und meine Vortragsreisen nehmen einfach immer mehr Zeit in Anspruch.

So habe ich mich dann kurzfristig entschlossen, beim ersten Langstreckenrennen in Köln an den Start zu gehen.  Mein Freund Heiko Tewes war mit am Start. Mit Steffen Liebetraut war dazu eine richtige Granate im Rennen, so dass ich selbst noch einmal schauen konnte, wie lange ich mithalten kann.

Am Sonntag, dem 2.September, war es dann soweit. Sören, mein Freund, hat sich bereit erklärt, mit mir morgens um 4 Uhr Richtung Köln zu fahren, um mich vor und während des Rennens zu betreuen. Start war am Fühlinger See, in dem wir dann auch geschwommen sind. Die Stimmung vor dem Rennen war für ein Langstreckenrennen äußerst entspannt. Alles war sehr gut vom Veranstalter vorbereitet und um 7.50 Uhr ging es dann etwas verspätet mit dem Schwimmen los.

Ich hatte mir vor dem Start eine Marschroute festgelegt, um mich irgendwie zu motivieren, um dann das Rennen auch zu überstehen. Einfach zu starten und zu hoffen, die komplette Distanz zu überstehen, war für mich ein viel zu großes, nicht überschaubares Risiko.

„Ziel Eins“, so hatte ich vor dem Start bei einem Interview gesagt, sollte sein, dass ich nach dem Schwimmen das Wasser als Erster verlassen wollte.

„Ziel Zwei“, ich wollte nach der ersten von vier Radrunden noch an der Spitze liegen. Tja, dann wollte ich mal schauen, was noch möglich ist.

Mir ging es richtig gut und ich konnte mich nach dem Start sofort etwas absetzen. Mit über zwei Minuten Vorsprung kam ich aus dem Wasser und war total gespannt, wie sich meine Beine auf dem Rad anfühlen werden.

Bei einem Langstreckenrennen weiß man vorher nie, ob es läuft oder nicht. Das erfährt man leider immer erst während des Rennens.

Du kannst eine optimale Vorbereitung haben und dich topp austrainiert fühlen, und doch kann es sein, dass es einfach nicht laufen will. Es kann aber auch gut sein, dass man, wie in meinem Fall, drei Wochen pausieren musste, tierische Angst vor einem Start hat und es dann einfach gut läuft.

Genau so einen Tag erwischte ich in Köln.

Nach dem Schwimmen fühlte ich mich bärenstark auf dem Rad. Von Kilometer zu Kilometer wusste ich, dass könnte heute mein Tag werden. Nicht, dass ich mit einem Sieg spekulierte, nein, es ging mir einfach um ein gutes Rennen und ganz viel Spaß. Auf dem Rad selbst verlief die erste Runde etwas unglücklich, denn ein Streckenposten schickte mich nach knapp 30 Kilometern erst einmal in die falsche Richtung.

Meine „2. Zielvorgabe“, dass ich in der ersten Runde noch Führender sein wollte, wurde damit zunichte gemacht. Denn auch Steffen Liebetraut hatte einen richtig guten Tag. Das Loch zu mir hat er nach und nach zugefahren, und durch meine Falschfahrt lag er dann in Führung. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich daran gedacht, mit Steffen mitzufahren, denn er gehört zu den besten und härtesten Radfahrern in der Triathlon Szene. Doch ich kam immer mehr ins Rennen und wir fingen an, uns in regelmäßigen Abständen in der Führungsposition abzuwechseln. Dies aber immer mit der Einhaltung der Windschattenregelung.

Nach der zweiten Runde wusste ich, dass ich das Tempo halten kann und freute mich darauf, beim Wechsel zum Laufen gemeinsam mit Steffen vom Rad zu steigen. Ungefähr bei Kilometer 110 passierte dann das Malheur.

Ich weiß nur noch, dass ich mich auf gerader Strecke bei etwa 43 km/h plötzlich überschlagen habe. Mein erster richtiger Sturz bei einem Rennen. Zuerst verstand ich nicht, warum mir der Wind nicht mehr um die Ohren pfiff, als ich dann aber meinen Körper betrachtete, wurde mir schnell klar, dass ich ziemlich heftig gestürzt war. Wie das genau passiert ist, weiß ich allerdings nicht.

Trotz des Sturzes wollte ich weiter fahren, aber die sofort zur Hilfe eilenden Streckenposten meinten nur, dass ich ruhig bleiben und auf einen Krankenwagen warten soll. Krankenwagen?Ich glaubte zuerst nur an Schürfwunden, denn Schmerzen hatte ich keine. Dann untersuchte ich mich genauer und stellte eine große tiefe Wunde am Knie fest, die stark blutete. Dazu auf der rechten Körperseite an Arm, Oberkörper und Bein viele Schürfwunden .Jetzt erst konnte ich die  Streckenposten verstehen.

Im Krankenhaus musste mein Knie mit einigen Stichen erst einmal wieder zusammengebastelt werden.

Nach der Behandlung kam mein Freund Sören, um mich abzuholen. Ich wollte unbedingt zurück an die Strecke, um zu sehen ob Steffen seinen Vorsprung halten konnte.

Ich schätze Steffen sehr und war richtig froh, dass er auch beim Laufen eine starke Vorstellung zeigte. Seinen Zieleinlauf schaute ich mir mit einem lachendem aber auch einem weinendem Auge an. Wie gern wäre auch ich ins Ziel gekommen.

Auch die vielen anderen Triathleten wollte ich im Ziel empfangen, aber meine Schmerzen wurden durch die nachlassende Betäubung immer stärker, so dass ich nach Hause fahren musste.

Erst jetzt, nach einer fast schlaflosen und schmerzvollen Nacht, kann ich diese Zeilen schreiben.

Heute wurde im rechten Oberschenkel zusätzlich noch ein Muskelanriss diagnostiziert, den ich gestern kaum gespürt habe.

Traurig macht es mich schon, nicht ins Ziel gekommen zu sein. Aber so ist es nun einmal im Leben. Einmal mehr habe ich Grenzen akzeptieren müssen.

Jetzt aber schaue ich nach vorn und nutze die freie Zeit, um mein neues Buch zu Ende zu schreiben.

Obwohl ich in einem Monat 40 Jahre alt werde, fühle ich mich sportlich fast genauso stark, wie noch vor zehn Jahren.

Es wird zwar immer schwerer, die alte Form zu erreichen, aber es geht. Da ich jedoch heute kein Profi mehr bin, kann und werde ich mich auf die Themen konzentrieren, die für meine Zukunft wichtig sind. Ob ich noch einmal an einem Langstreckenrennen teilnehmen werde, weiß ich heute noch nicht.

Unter anderen Vorzeichen würde ich jedoch sehr gerne wieder starten, denn ich liebe diesen, unseren Sport, in dem ich meinen Weg gefunden habe, der mich in vielen weiteren Bereichen meines Lebens stark gemacht hat.

Allen Sportlern wünsche ich einen schönen Ausklang aus dieser Saison und freue mich schon jetzt auf nächste Jahr.

 

Bis bald,

alles liebe

 

Euer

 

Andreas Niedrig

 

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